von Benjamin Franz-
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„Nicht ohne meinen Mann“ Lesung im Antiquariat „Der Laden“ am Chamer Marktplatz.

Die Autorin Justine Harun-Mahdavi er- zählte von glücklichen aber auch dra- matischen Tagen im Iran.Als die Deu- tsche ihren iranischen Mann nach Te- heran begleitete schien eines von tau- send Märchen wahr zu werden. Im Reich des Schahs machte ihr Mann Massoud politische Karriere.Als Kho- meini den Kaiser stürzte, müssen auch die Mahdavis Persien verlassen und gehen zurück nach Deutschland.

 
Mahdavi 1
Mahdavi 2
         
Teheran 1979, Prachtstrasse „Pah- lavi“, wie viele Funktionäre der Monar- chie haben auch die Mahdavis hier ein Domizil. Doch der Kaiser hat mit seiner Familie das Land schon vor Wochen verlassen. Aus gesundheit- lichen Gründen wurde da vorgescho- ben, dabei war es mehr eine Flucht vor den eigenen Untertanen. Der lan- ge im Exil lebende Ayatollah Khomei- ni brachte das Volk auf die Strasse. Wütend auf alles was vom Pfauen- thron begünstigt war, zog die Men- schenmasse auch zum Wohnsitz von Justine und Massoud Harun-Mahdavi. Söhnchen Sasan (11) und die vier- jährige Tochter Mona fanden die Tu- multe vor dem Haus aufregend, bis der Vater die Familie weg vom Fen- ster auf den Boden ins Bad befahl.

„Schüsse hagelten, genau auf unser Haus. Wir waren gemeint. Massoud kroch,Mona mit seinem Körper schüt- zend, zu uns ins Bad. Ich würgte die Angst hinunter und weinte leise.“Als Autorin Justine Harun-Mahdavi, diese Zeilen aus ihrer 2006 fertig gestellten Biografie im Antiquariat am Chamer Marktplatz vorträgt, rollen ihr wieder Tränen über die Wangen. Diese Er- eignisse liegen 30 Jahre zurück. Die Zuhörer in den kleinen Laden sind er- griffen,Frau Mahdavi ringt mit der Fas- sung. Todesängste und Entsetzten, das auch nicht abklingen will, als die aufgebrachte Menschenmasse wieder weiterzieht und die Familie des Te- heraner Bürgermeisters mit einem Schrecken davon kommt. Dabei hatte Mitte der Sechziger Jahre alles wie ein Märchen für die im Rheinland als Kinderkrankenschwester tätige Jus- tine begonnen. Sie plant Ihren Vater in Inzell zu besuchen. Bein Zwischen- stopp in München läuft sie hastig aus dem Hauptbahnhof,will trotz roter Am- pel eine Strasse passieren. Da fasst sie jemand von hinten am Arm und

 
hält Justine zurück.Es ist der in Mün- chen Maschinenbau studierende Ira- ner Massoud. Bevor sie weiter muss, trinkt sie Kaffee mit dem attraktiven Perser, ein Jahr später heiraten die beiden. 1968, Sohn Sasan ist erst 16 Monate alt, beschließt die kleine Fa- milie in den Iran zu gehen. Die Deut- sche wird herzlich aufgenommen und kann anfangs Sprachbarrieren mit Händen und Füßen überspielen. Mas- soud macht Kariere. Erst als Direktor einer Gewerbeschule, dann führt er ein Technologie Institut, schließlich wird er zum Bürgermeister der heilig- en Stadt Mashhad. 1973 besucht die hübsche Frau des Kaisers Fara Diba die Stadt Mashhad und wird vom Bürgermeister Massoud Harun-Mah- davi empfangen.

Er wird Präsident des Handball-Ver- bandes und 1977 schließlich zum Bürgermeister von Teheran berufen. Bei diesen offiziellen Anlässen auch immer Justine mit dabei, seine deut- sche Frau. Für die einstige Kinder- krankenschwester aus der rheinland-pfälzischen Provinz ein traumhafter Aufstieg an der Seite ihres Mannes. Wohl wissend, dass auch die Dikta- tur des Kaisers blutige Schattensei- ten hat, legte sich Massoud Harun-Mahdavi mit korrupten Gouverneuren an und muss dafür prompt drei Mona- te ins Gefängnis. Zeitgleich bereitet der religiöse Führer Ruhollah Musavi Khomeini im Pariser Exil die islam- ische Revolution vor, die mit Massen-demonstrationen und Generalstreiks in Februar 1979 zum Umbruch im Iran führt. Im sich entwickelnden, funda- mentalen Gottesstadt mit seinen ge- sellschaftlichen Umwälzungen sehen die Mahdavis keine Zukunft mehr für sich und gehen nach Deutschland zu- rück. Wenn Justine Harun-Mahdavi die Erinnerungen vorträgt tut sie das nicht wie ein Chronist, sondern be-

 
schreibt als Mutter und Ehefrau die subjektiven Eindrücke jener prägen- den Jahre. Neben den Verstrickungen in historische Ereignisse beschreibt sie in ihrem Buch aber auch die Herz- lichkeit der Iranischen Bevölkerung, die ihr, der „Deutschen“ entgegenge- bracht wurde. In Kultur und Land- schaft Persiens hat sich Justine Harun-Mahdavi ebenso rasch verliebt, wie in den fremdländischen jungen Mann der Sie zur Frau nahm. Zurück in Deutschland machte der Exilpoli- tiker mit seiner Familie Station in Din- golfing, später ließen sich die Mahda- vis in Unterschleißheim nieder. Mas- soud fand eine Anstellung als Inge- nieur bei BMW, Sasan wurde Zahn- arzt und Mona ist Designerin.

Ehemann und Sohn haben die Buch- autorin mit nach Cham begleitet und saßen unter den Lesungsbesuchern. Allesamt sind politisch sehr aktiv und engagieren sich für die Menschen- rechte. Immer im Blickfeld die aktu- elle Lage im Iran. Wie diese in den Medien, leider nicht immer wahrheits- gemäß, dargestellt wird, war Schwer- punkt der anschließenden Diskus- sion. „Das Land ist ob der gewaltigen Ölvorkommen leider zum Spielball der Supermächte. geworden“, resümiert Massoud Harun-Mahdavi etwas des- illusiert. Seine Frau schließt das Buch und legt ihre Lesebrille auf das Cover. Eine junge hübsche Frau mit dunklem,hochgestecktem Haar,eben- mäßigen Gesichtszügen und großen Augen ziert den Titel der 500 Seiten Biografie. Ein Jugendbild der Rhein- länderin. Sie ist dankbar für die Zeit im Iran,die oft schön war wie ein Mär- chen aus tausend und einer Nacht.